Schreibt das linkshändige Kind mit rechts,
wird die feinmotorische Entwicklung erschwert
Schreiben lernen
Grafomotorik und Schreibmotorik
Ein junges Forschungsgebiet ist die Grafomotorik, das bisher nur in der Rehabilitation beachtet wird. Die Grafomotorik umfasst die Bewegung aus der Schulter zu den Fingern und dem Daumen. Die Schreibmotorik befasst sich mit dem motorischen Prozess für eine flüssige Handschrift. Kinder lernen spielerisch. Sie nehmen einen Stift, malen ein Kunstwerk und das Ergebnis wird bewundert. So ist der Idealfall. Aber ?
Sieht das Kind gut?
Hört es gut?
Greift es mit der Hand zur gegenüberliegenden Schulter?
Wie treffsicher ist das Kind?
Konzentriert es sich?
Sitzt es gerade und hält den Stift locker?
Fehlt nur eine dieser Voraussetzungen, wird das Schreibenlernen zum Muß, zur Qual. Ganz anders verhält es sich beim Erwachsenen, der seine Schreibhand wechselt. Der Umschüler kennt das ABC und die Grammatik. Die Bewegungsabläufe sind automatisiert und im Unterbewußtsein verankert. Ihm fehlt die Übung und die Routine mit der linken Hand.
Das Schreiben ist ein komplexer Vorgang, der sich aus vielen kleinen Schritten zusammensetzt. Am Anfang steht ein Gedanke, der sich zu Wörtern formt. Die Wörter entstehen durch Buchstaben, bilden Sätze, fließen über die Nervenbahnen, gelangen mit Unterstützung des "Marionettenspielers" Kleinhirn über das Schultergelenk, den Arm zur Schreibhand. Die Augen folgen zunächst der Bewegung. Stimmt die Hand-Augen-Koordination (visuomotorische Koordination)?
Die Koordination zwischen Großhirn, Hirnhälften, Kleinhirn, Grob- und Feinmotorik ermöglicht das Schreiben.
Die Übungsblätter der Marburger Graphomotorischen Übungen enthalten verschiedene Motive aus dem Alltag; spielerisch werden Linien und Kreise geübt. Die Motive sind über das Blatt verteilt, regen zum Ausmalen an und sind mit Linien zu verbinden. Das Zielen wird geübt und der Blick geschärft.
Das Vorwort bei Pauli/Kisch und den Marburger Graphomotorischen Übungen ist sehr ausführlich und enthält nützliche Tipps für linksschreibende Kinder.
Geschickte Hände zeichnen Band 1 : ISBN 978-3-8080-0532-3
Geschickte Hände zeichnen Band 2 : ISBN 978-3-8080-0533-3
Die Ergotherapeutinnen Pauli/Kisch erklären in ihren Büchern Geschickte Hände zeichnen Band 1 und 2 im Vorwort die einzelnen Bewegungsabläufe.
Geschickte Hände zeichnen Band 3 : ISBN 978-3-8080-0657-3 Grafomotorische Übungen für Menschen von 8 bis 88 Jahren Dieser Band soll Kindern und Erwachsenen die Möglichkeit bieten, das Schreiben - die grafomotorischen Kompetenzen - zu verbessern.
Körperhaltung: Aufrecht sitzen, Schulter hängen lassen, das Gewicht des Oberkörpers auf beide Arme lagern und den Kopf nicht mit einer Hand abstützen.
Schreibhaltung mit links: Das leicht nach rechts geneigte Blatt verhindert die Hakenhandhaltung. Die rechte Hand schiebt das Blatt etwas weiter nach links, wenn man beim Schreiben in der Zeilenmitte angekommen ist. Blattlage und Schreibhaltung sind wichtig, um die Schreibhand unter der Schreiblinie zu halten.
Stifthaltung: Die Zeigefingerkuppe und die Daumenkuppe stehen sich leicht gebeugt gegenüber (Präzisionsgriff). Der Stift ruht locker auf dem Mittelfinger (Drei-Punkt-Griff). Zeigefinger und Daumen bilden einen Kreis. Alle Glieder bleiben beweglich um feine Bewegungen auszuführen. Die Schreibhand liegt seitlich auf der Handkante und dem kleinen Finger.
Mit rechts wird die Schrift gezogen, mit links geschoben. Mit weichen Minen fällt die Schiebrichtung beim Schreiben mit der linken Hand leichter. Das Schreibgerät wird zum individuellem Handwerkzeug. Die Schreibgeräte der Fa. YOROPEN erlauben durch die eigenwillige Form eine gute Sicht auf das Geschriebene.
Die Finger erhalten mit einem dreieckigen Profil des Bleistifts/ Füllers eine deutliche Auflagefläche. Mit einer elastischen glatten Oberfläche, einem größeren Griffdurchmesser und großen Auflageflächen verteilt sich der Druck gleichmäßig und der Muskelaufwand verringert sich. Das Zugreifen erfolgt entspannt. Der richtige Abstand zwischen den Fingern und der Spitze vermeidet das Verdecken der gerade geschriebenen Buchstaben und Zahlen.
Schreibvorlagen mit Buchstaben oder Zahlen am Zeilenende verwenden: Die Vorlage wird nicht mit der linken Schreibhand verdeckt.
Collegblock: Beim Kauf stets darauf achten, dass sich die Spirale am oberen Rand befindet.
Die Schreibunterlage vom Online-Shop LAFUELIKI hat eine mit Klettverschluss befestigte Anschlagleiste. Schreibunterlagen der Linkshänderberatungsstelle Sattler, München gibt es in verschiedenden Farben. Die Schreibunterlage aus dem Brunnenverlag ist optisch ansprechend mit Tiermotiven gestaltet, lenkt aber leicht ab.
Malübungen bilden die Grundlage für das spätere flüssige Schreiben. Aus Strichen, Linien, Wellen und Kreisen entwickeln sich Buchstaben. Beim Schreiben mit links ist die Bewegung schiebend. Der Buchstabe O ist entgegen dem Uhrzeigersinn zu schreiben, also gegen das eigene Bewegungsmuster.
Nachspurübungen trainieren die Auge-Hand-Koordination. Wird beim Ausmalen die Begrenzung überschritten? Landen die Buchstaben auf der Linie? Nachspurübungen verlangsamen den Bewegungsfluss durch die visuelle Kontrolle der Schriftspur.
Schwungübungen sind wichtig für das Schreibenlernen Schreibenlernen ist ein motorischer Prozess, der durch Übung verbessert wird. Der Ablauf der einzelnen Bewegungen werden im Langzeitgedächtnis gespeichert, das Schreiben wird automatisiert. Der routinierte Schreiber nimmt die Bewegungsausführungen nicht mehr bewusst wahr. Der Schwerpunkt verlagert sich auf Grammatik, Wortwahl usw. Die visuelle Wahrnehmung zu Beginn des Schreibenlernens ändert sich in eine Kontrollinstanz. Viele Schwungübungen sind in den oben genannten Büchern von Pauli/Kisch abgebildet; z.B. Pullover, Fische, Schlange, Schnecken, Igel und noch viel mehr Motive.
Das Buch Schreibenlernen mit graphomotorisch vereinfachten Schreibvorgaben von Christina Mahrhofer ist das Ergebnis einer experimentellen Studie zum Erwerb der verbundenen Ausgangsschrift. Auf über 400 Seiten wird das Thema Graphomotorik ausführlich behandelt, außer das Thema Linkshändigkeit. Hier steht nur : Zitat ".. Die Thematik der Händigkeit nimmt beim Schreiben eine nicht zu vernachlässigende Stellung ein. Bei einer gründlichen Betrachtung aus graphomotorischer Perspektive wird die Auseinandersetzung mit dieser Unterscheidung jedoch sehr schnell komplex. Eine differenzierte Darstellung der Unterschiede und der sich daraus ergebenden Konsequenzen für das Schreibenlernen würden im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen......erfolgt eine Reduzierung des Betrachtungsgegenstandes auf rechtshändige Schreibausführungen".
Je mehr Sicherheit besteht, je mehr Verlass auf die Feinmotorik/Graphomotorik ist, desto weniger Selbstkontrolle ist nötig. Die Geschwindigkeit steigt, Seite 90
Zitat "...muss sich das Schreiben lernende Kind auf alle Anteile des komplexen Schreibprozesses gleich stark konzentrieren. Die motorischen Anteile des Schreibens beanspruchen mindestens ebenso viele Aufmerksamkeit, da die den Schreibbewegungsablauf unterstützenden motorischen Programme erst noch entwickelt werden müssen."
Empfehlenswert ist ein Beitrag Zur Situation des Schreibunterrichts von Karl Heinz Schniewind aus der Webseite des Grundschulverband.
Viele Informationen rund um das Schreiben stehen auf der Webseite der Rechtschreib-werkstatt.de
Welche Schrift? Grundschrift. Die Grundschrift ist eine Initiative des Grundschulverbandes aus dem Jahr 2010.
Durch das Schreibtraining in der neurologischen Rehabilitation von Norbert Mai / Christian Marquardt ISBN 9 783861 451808 sollen keine Erinnerungen an das "Schreibenlernen in der Schule" geweckt werden. Diese Gehirnschubladen bleiben verschlossen. Auch ein Punkt, der bei einer Umschulung auf die dominante Hand berücksichtigt werden sollte. Das Schreibtraining in der Reha von Mai/Marquardt gibt wertvolle Hinweise, worauf beim Wechsel der Schreibhand aus graphomotorischer Sicht zu achten ist.
Der Wegfall der Schnörkel bei den Großbuchstaben und die fehlenden Deckel bei den Kleinbuchstaben a d c o g q bringen eine erhebliche Zeitersparnis. Durch die Luftsprünge vor den Buchstaben a d c o g q wird die Schrift schneller und flüssiger; außerdem für die Muskulatur entspannter und linkshänderfreundlich.
Ein weiterer praktischer Tipp neben den zahlreichen Abbildungen: Das Schreiben auf linierten Blättern verlangsamt die Schrift.
Interessant finde ich den Beitrag auf der Webseite der Pädagogischen Hochschule Wien www.phwien.ac.at/services/newsdetails-209/article/715/schreibenler.html?no_cache=1&cHash=351365f179 vom 22.04.10 Schreibenlernen - so geht´s! Vortrag des Münchner Wissenschaftler und Experten Dr. Christian Marquardt wie Lehrer/innen ihre Schüler/innen beim Schreiblernprozess unterstützen können.
Folgt a d c o g q, gib den Fingern ein bisschen Ruh
mit rechts ziehen, mit links schieben
Die Buchstaben kennt der Umgeschulte bereits. Wie lernen Kinder? Spielerisch und lachend die Sinne stärken. Bilderbücher mit kurzen Texten als Vorlagen? Räumliches und visuelles Wahrnehmen verbessern mit Spiele?
ISBN 978 3 522 4315803 Der Rabe der anders war von Edith Schreiber Wicke und Carola Holland
ISBN 978 3 765 555602 Der ängstliche kleine Spatz von Meryl Doney / Gaby Hansen
ISBN 978 3 940 007117 Lammwütend von Regina Schwarz / Julia Dürr
ISBN 978 3 789 161360 Na klar, Lotta kann Rad fahren von Astrid Lindgren
Mit Musik geht alles besser ..... CD Fingerbewegungen nach Musik
Hauke Stein , Praxis für Feinmotorik ISBN 39804316-3-0 zusammen mit dem Buch Hilfe für das schreibauffällige Kind ISBN 39804316-8-1
ISBN 978 3-8338-1821-9 Lachen ist die beste Medizin..... Lachyoga plus CD mit 60 Minuten Spieldauer
Der Autor Christop Emmelmann entdeckte Zitat "..... den Humor und das Lachyoga als Offenbarung und Heilmittel für sich selbst und schöpfte daraus neue Lebenskraft und Lebensfreude.."
ISBN 978-3-873-877207 Menschen grafisch visualisieren von Stephan Ulrich Mit Linien und Kreisen Figuren - Sternmännchen - erfinden und nebenbei die Hand-Augen-Koordination trainieren. Sternmännchen statt Strichmännchen, kinderleicht und im Beruf bei Präsentationen zu verwenden.
ISBN 9-783897-173514 Optische Täuschungen von Daniel Picon
".. Rätsel und Denkübungen rund um das faszinierende Spiel mit der Wahrnehmung...", Der Text der Buchrückseite beschreibt zutreffend die über 200 Abbildungen.
ISBN 9-783897-175075 PIXEL Text der Buchrückseite: "... ein Legespiel, dessen Teile immer wieder neu kombiniert werden können........ ein kreativer Zeitvertreib, der viel Spaß macht......"

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans mit links
Schule, gestern und heute
Juli 2009 spreche ich mit einem Reporter der Westdeutschen Zeitung "Warum eine Selbsthilfegruppe?" Weil ich noch immer den Grund für die Zwangsumschulungen suche. Ich mußte mit rechts schreiben, weil mir meine Mutter den Stift immer in die rechte Hand gab. Zeitlebens wollte sie nur das Beste für ihre Kinder. Warum dann ihr Verhalten?
Angeregt durch das Gespräch mit dem Reporter gehe ich wieder auf Spurensuche. Wo finde ich Gesetz, Erlass oder Verordnung, die die Umschulung auf rechts vorschreiben? Geschichte interessierte mich bereits in der Schulzeit. Während in den angelsächsischen Ländern bereits im 19. Jahrhundert nicht mehr "zwangs"umgeschult wurde, erfolgte die Umschulung in Deutschland bis in die 60/70iger Jahre des 20. Jahrhunderts. Das Züchtigungsrecht für Lehrkräfte an Schulen bestand bis 1973.
ab 1800 Deutsche Schreibschrift
1817 Ministerium der geistlichen-, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten anschließend Kultusministerium des preußischen Staates
ab 1900 Allgemeines Schulpflichtgesetz
1915 Sütterlin Schrift
1918 Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung
11. August 1919 Die Verfassung des Deutschen Reichs "Weimarer Reichsverfassung" Zweiter Hauptteil, Vierter Abschnitt, Bildung und Schule Artikel 142 - 149 u.a. Es besteht allgemeine Schulpflicht kein Hinweis auf das Schreiben mit rechts!
April 1920 unterschreibt Reichspräsident Ebert und Reichsminister des Inneren Koch das Gesetz, betreffend die Grundschulen und Aufhebung der Vorschulen, jeweils 1. April ist der Beginn des Schuljahres
1921 erscheinen Richtlinien zur Aufstellung von Lehrplänen
1933 Reichs- und Preußisches Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung
1. Mai 1934 der bisherige preußische Kultusminister Rust wird zum Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung ernannt 1935 Reichs- und Preußisches Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (kurz: Reichserziehungsministerium/REM); 1.10.1938 in Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung umbenannt.
06.07.1938 Gesetz zur Änderung des Gesetzes über die Schulpflicht im Deutschen Reich (Reichsschulpflichtgesetz)
1941 Deutsche Normalschrift
1950 Verfassung für das Land Nordrhein-Westfalen. Vom 28. Juni 1950 (Fn 1)
Der Landtag Nordrhein-Westfalen hat am 6. Juni 1950 folgendes Gesetz beschlossen, das gemäß Artikel 90 am 18. Juni 1950 durch Volksentscheid von der Mehrheit der Abstimmenden bejaht worden ist:
Zweiter Abschnitt - Die Familie Artikel 6 (Fn 3a)
(1) Jedes Kind hat ein Recht auf Achtung seiner Würde als eigenständige Persönlichkeit und auf besonderen Schutz von Staat und Gesellschaft.
(2) Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Entwicklung und Entfaltung ihrer Persönlichkeit, auf gewaltfreie Erziehung und den Schutz vor Gewalt, Vernachlässigung und Ausbeutung. Staat und Gesellschaft schützen sie vor Gefahren für ihr körperliches, geistiges und seelisches Wohl. Sie achten und sichern ihre Rechte, tragen für altersgerechte Lebensbedingungen Sorge und fördern sie nach ihren Anlagen und Fähigkeiten.
Amtsblatt des Kultusministeriums Land Nordrhein-Westfalen 3. Jahrgang Januar 1951 bis Dezember 1951 80. Grundsätzliches zum Schreibunterricht
..... Zahlreiche Beobachtungen und laut gewordene Klagen lassen erkennen, daß der Schreibunterricht in den Volksschulen vielfach nicht zu den Ergebnissen führt, die von ihm erwartet werden müssen ...... .... Ich erwarte, daß alle Lehrenden, insbesondere auch die Herren Schuldezernenten und Schulräte, die Frage des Schreibunterrichts ihre ernste Aufmerksamkeit zuwenden.
8. April 1952 Erstes Gesetz zur Ordnung des Schulwesens im Landes Nordrhein-Westfalen auch hier finde ich keinen Hinweis auf das Schreiben mit der rechten Hand dafür in § 2(2) .... Der Wille der Erziehungsberechtigten und die Anlagen, Neigungen und Fähigkeiten bestimmen seinen Bildungsgang.
1953 Erlass der Kultusministerien für alle Schulen Lateinische Ausgangsschrift
1955 Die Volksschule in Nordrhein-Westfalen Richtlinien, Leitsätze, Erlasse Seite 60 + 61 Schreiben, Aufgaben, Unterrichtsverfahren, Schreibfläche und Werkzeug wieder kein Hinweis auf das Schreiben mit rechts.
1958 Schulverwaltungsgesetz, Ministerpräsident ist Steinhoff, Kultusminister Prof. Dr. Luchtenberg kein Hinweis auf Schreiben mit rechts
1963 Die Schule in Nordrhein-Westfalen, Eine Schriftenreihe des Kultusministeriums, Heft 7 Richtlinien und Stoffpläne für die Volksschule * 12.5 Schreiben
Der Schreibunterricht soll den Schüler zu einer gleichmäßigen, leicht lesbaren und flüssigen Schrift führen. Die Schreiberziehung bekämpft bis zur Schulentlassung Schreibverwilderung und erstrebt eine auch beim geläufigen Schreiben formschöne, zügige und persönliche Schrift. Auf die Entwicklung des kindlichen Formensinnes und auf geschmackbildende Anwendung der Schrift wird dabei besonderer Wert gelegt.
Wieder kein Hinweis auf Schreiben mit rechts
1966/1967 Kurzschuljahre weil der Einschulungstermin jetzt nach den Sommerferien verschoben wird.
bis 1968 jahrgangsübergreifender Unterricht in den Schulen auf dem Land
Auszug aus dem Vorbemerkungen der Richtlinien und Lehrplänen für die Grundschule von 1969 Vorbemerkungen
...... Besondere Beachtung verdienen linkshändig arbeitende und schreibende Kinder. Ihre zwanghafte Umstellung auf Rechtshändigkeit kann nicht gestattet werden, zumal es eine kaum zu klärende Fülle von exogenen und endogenen Ursachen für dieses der konventionellen Norm widersprechende Verhalten gibt, für deren Klärung eine heilpädagogisch und neurologisch vorgebildete Fachkraft erforderlich ist. Der Schreiberzieher kann lediglich im Sinne einer vernünftigen Beeinflussung zur Beidhändigkeit im Schreiben ermutigen. Wo ihm dies nicht gelingt, sollte er für die Entwicklung einer entkrampften Linksschreibweise Sorge tragen.
Damit findet sich erst 1969 der erste Hinweis auf die Zwangsumschulungen.
1970 kommt die nächste Schulreform. Das bisher eigenständige Schulfach Schreiben wird dem Bereich Sprache zugeordnet.Ein Beitrag hierzu steht im Internet auf der Webseite des Grundschulverband.de von Karl Heinz Schniewind Zur Situation des Schreibunterrichts
Linkshändig schreibende Kinder werden nicht mehr erwähnt. Eine Förderung durch Fachpersonal findet nicht statt. Nur der Zufall entscheidet, ob das Schulkind eine Lehrkraft findet, die Grundkenntnisse für das Schreiben mit der linken Hand besitzt oder weiterhin nur den Vorschlag gibt: Nimm die rechte Hand.
1973 Vereinfachte Schulausgangsschrift Im Internet finde ich einen Beitrag Pro und Kontra von Marlis Körner & Daniela Schäfer. Auf mehreren Seiten werden die Vor- und Nachteile dargestellt. Kein Hinweis, welche Schrift linkshänderfreundlich ist.
1974 erscheint die deutsche Übersetzung Das Normale und das Pathologische von Georges Canguilhem im Hanser Verlag München.
Der Inhalt auf einen kurzen Nenner gebracht: Alles außerhalb der Norm ist Pathologisch. (Wikipedia: Als Pathologie wird in der Medizin die Erforschung und Lehre von der Herkunft, der Entstehungsweise, der Verlaufsform und der Auswirkungen von krankhaften bzw. abnormen Einzelphänomenen (Symptomen).... aller Art verstanden ..... Pathologisch bedeutet im medizinischen Fachjargon soviel wie „krankhaft“.)
Bei einem unterstellten Linkshänderanteil von 10 % zur damaligen Zeit wird klar, warum Linkshändigkeit als Krankheit angesehen wurde.
Ausgabe 1988 Meyers Kleines Lexikon Pädagogik Unter dem Begriff Seitigkeit (Lateralität) finde ich auf Seite 348 die folgende Beschreibung:
Rechtshändigkeit soll Linkshändern nicht aufgezwungen werden.......So wird für den Erstschreibunterricht empfohlen, daß bei Linkshändern zwar der behutsame Versuch unternommen werden sollte, sie - weil unser Schriftsystem auf Rechtshändigkeit angelegt ist - allmählich an das Schreiben mit der rechten Hand zu gewöhnen. Gelingt dies aber nicht ohne Mißerfolgserlebnisse, sollte linkshändiges Schreiben gefördert werden.
So eine Erklärung in einem Sachlexikon???
1998 - 2000 Studie LufT - Lockere und flüssige Textproduktion an der Uni München, Bereich Grundschulpädagogik und -didaktik im Internet nachzulesen von C.Mahrhofer-Bernt
Die eigene Schrift entwickeln - von Anfang an. Wie kann Schreibunterricht die graphomotorische Entwicklung angesessen unterstützen.
2005/2006 Landtag Nordrhein-Westfalen hebt auf Initiative der damaligen Schulministerin Ute Schäfer (SPD) die bisherigen Schulgesetze - vom Schulordnungsgesetz (1952) bis zum Schulmitwirkungsgesetz (1977) - und die Allgemeine Schulordnung (1978) auf. Der Hinweis auf die Entwicklung einer entkrampften Linksschreibweise Sorge zu tragen verschwindet kommentarlos, ab sofort sind Eltern linkshändiger Kinder auf Eigeninitiative angewiesen.
2008 wieder eine Schulreform, kein Hinweis auf links schreibende Kinder
28. August 2009 Auskunft Ministerium für Schule und Weiterbildung N R W Referat 511 : Zitat
"..... Aussagen zu den Ausgangsschriften werden nicht getroffen, ebensowenig Festlegungen für die lateinische oder die vereinfachte Ausgangsschrift. Es ist den Lehrkräften vor Ort überlassen, die methodischen Entscheidungen im Hinblick auf die individuellen Lernstände ihrer Schülerinnen und Schüler zu treffen."
Ob Lateinische Ausgangsschrift (LA), Vereinfachte Ausgangsschrift (V) oder Schulausgangsschrift (SAS) bleibt somit jeder Schule in NRW überlassen. Wechselt ein Schüler die Grundschule "darf" er seine Schrift behalten.
Sept. 2009 Aus Hamburg vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung kam die Antwort:
... In den Hamburger Rahmenplänen wird tatsächlich nicht explizit auf Linkshänder eingegangen. Wir gehen mit dem Thema in Fortbildungen und Beratungen zurückhaltend und behutsam um.............Die Schulausgangsschrift ist dafür lediglich die Grundlage, bei großen motorischen Schwierigkeiten kann auch auf verbundene Schrift verzichtet werden.
Statt zurückhaltend und behutsam, wäre Aufklärung und Information der Eltern und Erzieher/Lehrer besser. Weder die lateinische noch die vereinfachte Schulausgangsschrift sind das Gelbe vom Ei. Das wurde schon bereits in zahlreichen Studien über die motorischen Bewegungsabläufe vor über einem Jahrzehnt festgestellt.
Im Mai 2010 startet der Grundschulverband eV die Initiative Endlich Schluss mit dem Schriftenwirrwarr. Zitat Dr. Bartnitzky, Vorsitzender - Ausgabe Mai 2010
„Eine weitere Schriftform als zweite Ausgangsschrift ist wegen des Bruchs in der Schreibentwicklung schädlich. Die in Deutschland bisher verwendeten Ausgangsschriften: Lateinische, Vereinfachte und Schul-Ausgangsschrift sind historisch überholt. Der Grundschulverband sagt: Eine Schrift zum Lesen- und Schreibenlernen ist genug! Aus ihrer ersten Schrift können Kinder eine flüssige und lesbare Handschrift entwickeln – die Schrift, die sie in Schule, Ausbildung und Beruf brauchen.“
Die Situation in Österreich
Der folgende Text stammt aus dem Buch Schreibenlernen mit graphomotorisch vereinfachten Schreibvorgaben von Christina Mahrhofer Seite 203: In der Österreichischen Schulschrift 1995 finden sich keine strikten Anordnungen mehr zur Schriftneigung. Kommentar zum Lehrplan der Volksschulen in Österreich...... Die Buchstaben der Vorlagen sind in rechtsgeneigter Schrägschrift (150 gegenüber der Senkrechten) geschrieben. Steilschrift ist aber ebenso zulässig wie eine (Linkshändern meist besser gelegene) linksgeneigte Schrift ..."
Noch fortschrittlicher ist die Schweiz. Die Informationen der einzelnen Kantone zum Thema Schreibmotorik zeigen, wie dort mit dem Thema Schreiben lernen umgegangen wird.
Etwas zum Schmunzeln PISA-Studie Cartoons von Uli Stein
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